Finnische Verhältnisse in Weiden

23-SEP-07, HELMUT FRANGENBERG                

Während die Landespolitiker heftig debattieren, schafft eine Kölner Hauptschule Fakten. Die Martin-Luther-King-Schule hat die eigentlich für Hauptschulen vorgeschriebene Aufteilung der zehnten Klassen nach Leistungsstärke abgeschafft. >> Artikel

 

 Finnische Verhältnisse in Weiden

VON HELMUT FRANGENBERG, 23.09.07, 18:02h

Die Kölner Martin-Luther-King-Schule hat die eigentlich für Hauptschulen vorgeschriebene Aufteilung der zehnten Klassen nach Leistungsstärke abgeschafft. Juristisch bleibt die Weidener Schule zwar eine Hauptschule, tatsächlich hat sie sich jedoch in einen neuen Schultypen verwandelt. „Wir sind an die Grenzen dessen gegangen, was als selbständige Schule möglich ist“, sagt Schulleiter Heinz Klein. Klein plädiert für eine radikale Reform des Schulsystems nach finnischem Vorbild und die Einführung einer Schulform, in der die Kinder bei gezielter individueller Förderung möglichst lange gemeinsam lernen.

Nach den ersten Wochen im neuen Schuljahr könne man bereits positive Effekte der Entscheidung bemerken. „Keiner gibt sich auf, weil jeder die Perspektive hat, alle Abschlüsse der Sekundarstufe I zu machen“, so Klein. Das Arbeitsklima in den Klassen habe sich völlig verändert. Die Schule hofft, die Zahl der Schüler zu steigern, die das zehnte Schuljahr mit der Fachoberschulreife abschließen. Doch auch die leistungsschwächeren Schüler sollen profitieren. Sie können möglicherweise bessere Hauptschulabschlüsse erreichen, „weil sie sich mitziehen lassen“, hat Klein beobachtet.

Normalerweise werden nach dem Ende des neunten Schuljahres in einer Hauptschule die Jugendlichen in eine Klasse 10 A und 10 B aufgeteilt. Der Klassenverband wird aufgehoben und gleichzeitig schon zu Beginn des Schuljahres festgelegt, welcher Abschluss bestenfalls für den einzelnen Schüler erreichbar ist. Für die Schüler der 10 A steht dann fest, dass sie die Fachoberschulreife nicht mehr erreichen können. „Durchgängig waren dann Demotivation und ein sinkendes Leistungsniveau in diesen Klassen feststellbar“, so Klein. Dem wolle man in Weiden nun entgegenwirken.

„Wichtig ist, dass ein junger Mensch so lange wie möglich eine Perspektive braucht“, sagt der Schulleiter. Dieses Prinzip müsse nicht nur für die zehnten Klassen gelten, sondern für das gesamte Schulsystem. Er kritisiert, dass Hauptschüler schon im ersten Schuljahr nach der Grundschule faktisch aussortiert würden. „Unseren Fünftklässlern hat man die Perspektive genommen, bevor es losgeht.“ Klein, selbst Mitglied der CDU, hofft darauf, dass wie in anderen CDU-geführten Bundesländern auch in NRW die Debatte über das Schulsystem Folgen haben wird. Die Schule hat im Internet eine Umfrage gemacht, an der sich mehr als 600 Personen beteiligt haben: Mehr als 50 Prozent sprachen sich dafür aus, dass in einem Schulsystem der Zukunft alle Kinder bis zum Ende des achten Schuljahr in eine gemeinsame Schule gehen.

Kommentar Seite 25

  

 

Keiner wird aufgegeben

VON HELMUT FRANGENBERG, 23.09.07, 18:41h, AKTUALISIERT 23.09.07, 22:40h

Kölns Vorzeigehauptschule will keine Hauptschule mehr sein. Anders kann man die Entscheidung der Martin-Luther-King-Schule nicht interpretieren, die äußere Differenzierung im zehnten Schuljahr abzuschaffen. Man wird abwarten müssen, ob zählbare Erfolge dabei herauskommen und tatsächlich mehr Jugendliche in Weiden den Realschulabschluss schaffen. Das Signal ist aber jetzt schon eindrucksvoll: Jeder Schüler soll so lange wie möglich alle Perspektiven haben; keiner wird aufgegeben. Die engagierte Schule verbindet ihre Entscheidung mit einem Plädoyer für eine grundlegende Reform des Schulsystems. Sie fordert nicht weniger als ihre eigene Abschaffung, damit sich die Chancen von Kindern verbessern und keiner schon mit zehn Jahren aussortiert und aufgegeben wird, wie der Schulleiter sagt.

Die Praktiker appellieren an die Politik, die sich zurzeit in alten Schützengräben einrichtet, um die abgestandene Gesamtschuldebatte aufzuwärmen. Es würde nicht schaden, wenn sie in Weiden, aber auch in vielen anderen Schulen ein wenig die Schulbank drücken würden. Dann würden sie nicht nur lernen, dass man mit vielen guten Ideen einer selbständigen Schule auch die Chancen von lernschwächeren Schülern im weiteren Verlauf der „Schulkarriere“ verbessern kann. Man würde auch erfahren: Egal, wie stark man sich engagiert und bemüht, die Perspektiven eines Hauptschülers nach der Schule bleiben schlechter als die seiner Altersgenossen. Ohne eine Reform des Schulsystems wird sich daran nichts ändern.

 

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